„Schläft ein Lied in allen Dingen ...“ heißt es in einem berühmten Gedicht von Joseph von Eichendorff. Was kann damit gemeint sein? Auf der ganzen Welt gibt es kein Land, und gab es keine Zeit, ohne Musik, ohne Gesang. „Ein Lied in allen Dingen“ – eine kurze Melodie, eine schlichte Form; eine gesungene Komposition aus Musik und Liedtext: Eine musikalische Kurzformel, die sich in allen Kulturen wiederfindet und in ihrer Einfachheit reiner Ausdruck menschlichen Gefühls ist. Es ließe sich kein Medium finden, das Gefühle individueller und persönlicher darstellen könnte  als das Lied. Gleichzeitig ist das Singen als kulturelle Praxis ein universales Kulturgut, das zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt verbreitet ist. Das weltumspannende Bedürfnis, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und diese mit Hilfe von Text und Musik greifbar und konservierbar werden zu lassen, macht die Faszination dieser Gattung aus und zeigt, dass sie, trotz ihrer schlicht daherkommenden Form, hochkomplexe Kunstwerke sind. Kategorien wie schwarz und weiß, Original und Fälschung bringen uns nicht weiter, wenn wir dem nahekommen wollen, was beispielsweise Joseph von Eichendorff mit seinem „Schläft ein Lied in allen Dingen“ meinte. Die Wahrheit liegt hinter dem Erkennbaren, hinter einer Welt, in der sich alle Geheimnisse aufdecken lassen, die alle Wunder erklären kann und alles Unheimliche verständlich macht. Das Wesen des Liedgesangs ist wie der Zauber der Musik ein dynamischer hybrider Begriff, der sich durch seine interkulturelle Verwendbarkeit nicht nur in eine Richtung definieren und anwenden lässt. Das Lied hat nicht eine einzige Heimat, bündelt nicht eine einzige Wahrheit: Es erzählt die Geschichte eines weltumspannenden „Wir“. Und genau dieses starke und jubilierende „Wir“ „schläft in allen Dingen“ und klingt in allen LIEDERN VON WIEN BIS ISTANBUL, die Sie heute auf der Bühne hören werden. Diese Lieder stammen von Franz Schubert und Şevki Bey, zwei Komponisten, beinahe Zeitgenossen, deren Heimaten weit auseinanderlagen und die einander doch näher stehen, als man zunächst annehmen könnte. Genau genommen handelt es sich bei dieser Feststellung schon um einen handfesten Orientalismus, also um einen aus der westlichen Sicht geformten Blick auf die Gesellschaft des Nahen Ostens bzw. auf die arabische Welt. Warum überhaupt geht man davon aus, dass die Unterschiede zwischen Ost und West derart groß gewesen sein sollten? Und warum tut man dies noch immer? Die LIEDER VON WIEN BIS ISTANBUL sind eine fantastische Möglichkeit genau diese Orientalismen festzustellen, sie zu hinterfragen und möglicherweise sogar zu überwinden.
Die Lieder von Franz Schubert kennen wir im deutschsprachigen Raum nur zu gut. Durch den hohen Stellenwert, den diese Weisen in unserer Kultur einnehmen, könnte man fast behaupten, sie symbolisierten etwas wie eine musikalische Heimat für uns. „Heimat ist das, wovon man ausgeht“, beginnt T.S. Eliot eines seiner Gedichte. Es ist das Naheliegende, das Vertraute, der Ort, aus dem man kommt. Und weil uns die Lieder von Schubert so empfinden lassen, können wir auch eine Vorstellung dafür entwickeln, was äquivalent dazu Şevki Beys Kompositionen den türkischen Musikfreunden bedeutet. Ob man die (musikalische) Heimat nun bei Franz Schubert oder bei Şevki Bey verortet, ist womöglich nicht wichtig, denn vielleicht ist Heimat nicht etwas von dem man ausgeht, sondern von dem aus, man weitergeht. Etwas, womit sich zwar beginnen lässt, aber vor allem etwas, das wir gemeinsam herstellen müssen. Im Sinne dieses Heimatbegriffs ist das besondere Konzertprojekt LIEDER VON WIEN BIS ISTANBUL in der Ludwigshafener Philharmonie konzipiert.
Şevki Bey wurde 1860 in Istanbul geboren – eine Zeit in der die Stadt starken Verwestlichungstendenzen unterworfen war, was beispielsweise auch im architektonischen Stadtbild zu erkennen ist. So gingen im 18. und 19. Jahrhundert aus der Familie Baylan mehrere bedeutende Baumeister hervor. Sie entwarfen Schulen, Kirchen, Moscheen, Wohnhäuser und Paläste für den jeweiligen Sultan, dessen Familie und für andere wohlhabende Mitglieder der Gesellschaft. Fünf Generationen der Baylans prägten das europäisch geprägte Stadtbild Istanbuls bis heute. Dabei bevorzugten sie westliche Architektur und Designs, nahmen aber auch osmanisch-türkische Bauformen auf. Das berühmteste und größte Bauwerk ist der Dolmabahçe-Palst, der am Ufer des Bospors liegt und seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Residenz des Sultans war. Nicht zu vergessen ist jedoch auch die umgekehrte Tatsache, nämlich eine Tendenz orientalische Baukunst im Westen zu errichten – man denke nur an die Moschee im Areal des Schwetzinger Schlossgarten. Fürst Carl Theodor folgte damit einem Modetrend, der die Faszination für den Orient wiederspiegelte. Der Dolmabahçe-Palst, ist eine klassisch-europäische Zweiflügelanlage, in dessen innerem Raumprogramm jedoch ein traditionell osmanisches Erscheinungsbild mit zwei baulich streng voneinander getrennten Flügeln umgesetzt wurde. Und gerade aufgrund dieser „Mischung“ ist die Architektur des Dolmabahçe-Palst ein anschauliches Beispiel für die westlichen Tendenzen im Istanbul des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich natürlich auch in der Musiktradition niederschlugen. Bereits seit dem 16. Jahrhundert lassen sich Spuren der westlichen Musik im osmanischen Reich nachweisen. Diese waren zwar zunächst singulärer Natur, wie beispielsweise die Schenkung einer Orgel von Elisabeth I. an Murat den III. im Jahr 1599. Die eigentliche Geschichte der westlichen Musik im osmanischen Reich begann ab 1826, als unter Mahmud II. die Militärkapelle der Janitscharen der Großherrlichen Musikkapelle weichen mussten. Diesem Ereignis vorausgehend steht ein reformatorischer Wandlungsprozess: Der Sultan bevorzugte bei Hofe mehr und mehr die westlich geprägte Musik, was dazu führte, dass sich auch die osmanisch urbane Oberschicht in ihren Vorlieben wandelte. Hinzukommt natürlich, dass Istanbul als kosmopolitische Stadt kulturell seit jeher von zahlreichen verschiedenen Einflüssen geprägt ist. Die Hinwendung zur europäischen Musikkultur darf jedoch nicht als Abkehr der traditionellen türkischen Musik verstanden werden. Es handelt sich vielmehr um ein Nebeneinander westlicher und östlicher Musik, genau wie im heutigen Konzert. Die Entfernung von der rein traditionellen Kunstmusik, der Diwanmusik, die vornehmlich aus türkischer, aber auch aus byzantinischer, arabischer, persischer und balkanischer Musik bestand, brachte verschiedene Veränderungen mit sich. Die Spieldauer und Ensemblebesetzungen wurden kleiner, man wandte sich besonders der Liedform, dem Şarkı (Kunstlied) zu. Oftmals waren diese vom Walzer oder der Fantasie inspiriert und Instrumente wie Klarinette, Klavier und Geige kamen zum Einsatz. Dass diese Instrumente gespielt wurden, hängt ebenfalls mit der Schließung der Janitscharenkapelle und der Gründung der Großherrlichen Musikkapelle, die im Übrigen von 1828 bis 1856 von Giuseppe Donizetti geleitet wurde, dem älteren Bruder des berühmten Opernkomponisten Gaetano Donizetti. Angekoppelt an die Großherrliche Musikkapelle, wurde 1834 auch eine Musikschule mit europäischen Lehrern eröffnet, die junge osmanische Musiker ausbildeten. Bei all den nach westlichen Maßstäben orientierten Reformbewegungen im Osten lassen sich im Gegenzug genauso Beispiele nennen, die nach dem umgekehrten Prinzip funktionieren. Man denke nur an die vielfache Zitation türkischer Musik in abendländischen Kompositionen, unter anderem in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ oder dem berühmten Rondo Alla Turca.

Sevki Bey und Franz Schubert, Orient und Okzident – Zwei Satelliten, die um dieselbe Erde kreisen.

Es reicht nur ein kurzer, flüchtiger Blick auf die Texte, die den Liedkompositionen von Franz Schubert und Şevki Bey zugrundliegen, um zurück zur anfänglich gestellten Frage, nach den so selbstverständlich angenommen großen Unterschieden, die man in der Kultur zwischen Orient und Okzident vermutet, zu gelangen. Jedoch mit dem Ergebnis, dass die Aussage, die durch die Lieder transportiert wird, im Grund die gleichen Themen behandelt: Urromantische Reizvokabeln wie Natur und Sehnsucht, Liebe und Trauer, Meer und Mondschein, Heimat und Fremde finden sich sowohl bei Franz Schubert als auch bei Şevki Bey.
Der Dialog wird auf der Bühne zum Zwiegespräch der Kulturen – ein Thema, das heute keineswegs an Brisanz verloren hat, sondern ganz im Gegenteil hochaktuell erscheint. Dabei fallen Fragen nach kultureller Identität und interkulturellen Kompetenzen ebenso ins Gewicht, wie die Frage nach der Aufgabe von Kulturinstitutionen überhaupt, die durch ihr Programm einen wichtigen Beitrag zur Integrationsdebatte liefern und damit den Weg zu einem freundschaftlichen Miteinander ebnen können.
Mit Projekten wie den LIEDERN VON WIEN BIS ISTANBUL kann es gelingen, ein ganz selbstverständliches Bewusstsein für das „Eigene“ im „Fremden“ zu schaffen und damit eine tiefgreifende Selbsterfahrung interkultureller Kommunikation – eine archetypische Voraussetzung für eine gleichberechtigte aufgeschlossene Gesellschaft. Es erscheint merkwürdig, für eine offene Gesellschaft plädieren zu müssen, sollte dies doch eigentlich selbstverständlich sein. Zu erleben ist derzeit an vielen Stellen eine Einschüchterung gegenüber dem kulturellen Reichtum unserer Gesellschaft. Die LIEDER VON WIEN BIS ISTANBUL zeigen, dass es an der Zeit ist, diesen Reichtum nicht nur eigentlich irgendwie richtig zu finden und einigermaßen verschämt anzunehmen, sondern diesen wahrhaftig zu feiern!