In ihre vierte (und wohl kaum letzte) Auflage geht die Kooperation von Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und Mannheimer Capitol in dieser Spielzeit. Einmal mehr gibt es in dem geschichtsträchtigen Ambiente von Deutschlands einstmals größtem Filmtheater ein Programm, das sich hören lassen kann. Bei diesem Crossover der besonderen Art sind unter anderem Ludwig van Beethoven, Erwin Schulhoff, Benjamin Britten und George Gershwin dabei. Und als Intermezzi steht immer wieder Jazz auf dem Programm.

Wie mühelos (und quasi prestissimo) es die leichte Muse in die sogenannte Ernste Musik schaffen kann, demonstrierte Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1927. In weniger als einer Stunde schaffte es der noch junge Komponist, den zum Jazzstandard avancierten Song „Tea for Two“ aus dem bekannten Broadway-Musical „No, No Nanette“ für Orchester umzuschreiben. Schostakowitsch gewann seinerzeit nicht nur eine Wette und 100 Rubel, er bescherte der Musikwelt darüber hinaus kunstvoll von U nach E konvertierte Klänge und betitelte diese kurzerhand mit „Tahiti Trot“. Als hätte er gewusst, dass 90 Jahre später durchaus großer Bedarf an derlei Crossover bestehen würde.
Ob Prof. Michael Kaufmann und Thorsten Riehle ebenfalls eine Wette abgeschlossen haben, ist nicht bekannt. Eine gute Quote hätte sich damit aber bestimmt erzielen lassen, denn vorhersagen konnte niemand, was aus ihrer Idee einer künstlerischen Kooperation mit genreübergreifenden Programmen werden könnte: Eintagsfliege oder langfristige Zusammenarbeit. Immerhin werden landauf, landab fleißig bunte Crossover-Programme entwickelt – das allein ist schon längst kein Garant mehr für volle Konzertsäle und verjüngtes Publikum. Doch der Intendant der Staatsphilharmonie und der Geschäftsführer des Mannheimer Capitols hatten einen guten Riecher. Ihre vor einigen Jahren ins Leben gerufene Reihe hat sich zwar nicht prestissimo, wohl aber poco a poco etabliert. Als wäre es nie anders gewesen, geht KLASSIKER IM CAPITOL in der kommenden Spielzeit bereits in die vierte Runde.
Den Auftakt gestaltet Chefdirigent Karl-Heinz Steffens höchstpersönlich mit MODERN TIMES 3 und Igor Strawinskys Pulcinella-Suite sowie dessen „Geschichte vom Soldaten“. Die bekannte Schauspielerin Cornelia Froboess ist dabei in der Rolle der Sprecherin zu erleben, Daniel Gauthier entlockt in Erwin Schulhoffs „Hot-Sonate“ dem Altsaxophon jazzige Töne.
Mit seiner Reihe CONNECT IT kommt mit Frank Dupree ein guter Bekannter gleich zweimal nach Mannheim. Für seinen Saisonauftakt bei der Staatsphilharmonie unter dem Motto „Romance“ bringt der Pianist und Dirigent neben Ludwig van Beethovens 4. Klavierkonzert eher unbekannte Werke mit. Benjamin Britten war noch keine 30, als er 1943 „Prelude and Fugue for 18 Strings“ komponierte. Sein „Lachrymea“ für Viola und Streicher, datiert auf das Jahr 1950, ist eine Musik von reinem Wohlklang, durchdrungen von starker emotionaler Bewegung. Bei dem Werk handelt es sich um eine Reflexion über das anrührende Lied „If my complaints could passions move“ („Wenn meine Klagen mein Leiden lindern könnten“) von J. Dowland (1563-1626). Der 1995 geborene, überaus talentierte Violist wird der Komposition mit seinem ambitionierten Spiel Charakter einhauchen. Auch in „Romance für Viola und Klavier“ von Brittens 1884 geborenem Landsmann York Bowen greift Timothy Ridout an diesem Abend solistisch in die Saiten. Insidern ein Begriff dürften vor allem Bowens „24 Präludien für Klavier“ sein, obwohl er neben vier Klavierkonzerten, zwei Sinfonien sowie Konzerten für Geige und Bratsche noch eine Reihe Klaviersonaten und kleinere Werke hinterließ.
Auch in dem zweitem Programm „Kings and Queens“ mit Frank Dupree verbinden kurzweilige Jazz-Intermezzi die Hauptwerke, allen voran Beethovens 5. Klavierkonzert. Nach Schostakowitschs rekordverdächtigem „Tahiti Trot“ bringt die Staatsphilharmonie in dem geschichtsträchtigen ursprünglichen Kinosaal das auch nicht gerade häufig zu hörende Konzert für Klarinette und Orchester Nr. 2 op. 115 des ebenfalls britischen Tondichters Malcolm Arnold zu Gehör. Kein Geringerer als der legendäre Klarinettist Benny Goodman gab diese Musik 1974 bei Arnold in Auftrag. Nicht minder legendär ist George Gershwins „Rhapsody in Blue“, die diesen Abend mit ihrer faszinierenden Synthese von Jazz und Klassik beschließt –  ein Crossover der besonderen Art, lange bevor es diese Bezeichnung überhaupt gab.
Das Saisonfinale von KLASSIK IM CAPITOL nehmen das hauseigene Ensemble und die Staatsphilharmonie gemeinsam in die Hand: Ernst Theis dirigiert den weit über die Landesgrenzen hinaus bekannten und beliebten Klangkörper, ebenfalls mit von der Klangpartie sind Solisten des Capitol Ensemble.