Schönheit können wir bekanntlich mit unseren Sinnen wahrnehmen: unmittelbar, einfach durch bloßes Sehen oder Hören, Tasten oder Riechen. Im 18. Jahrhundert stellten ihr einige Denker den Begriff der Erhabenheit zur Seite. Immanuel Kant gehörte zu ihnen, aber auch Friedrich Schiller. Beide verbanden ihre Deutung mit einer psychologisch interessanten Beobachtung. Erhabene Gegenstände, erläuterten sie, veranlassen die Menschen, ihre Grenzen zu erkennen. Blicke man etwa auf das Meer oder zu den Sternen, spüre man die eigene Ohnmacht, die mangelnde Fähigkeit, das Gesamte zu ermessen. Gleichzeitig aber fühle man sich magisch angezogen, „mit unwiderstehlicher Gewalt“, so Schiller wörtlich.
Die Sphäre des Erhabenen berührt auch die Veranstaltungsserie „Bruckner in den Domen“. Wenn sich die monumentalen Sinfonien des österreichischen Komponisten mit dem Weltkulturerbe der pfälzischen Dome vermählen, sei es in Mainz, Speyer, Trier oder Worms, verändert sich die Wahrnehmung der Besucherinnen und Besucher. Sie ahnen, dass sie dieses Fest aus Sound und Stein, Farbe und Ton nicht mit dem Verstand ausloten können. So bleibt ihnen nur, sich dem Spiel musikalisch-optischer Formen hinzugeben.
Das neunte (und insgesamt vorletzte) Konzert der Reihe findet einmal mehr in Trier statt. Domkapellmeister Thomas Kiefer, international vielfach ausgezeichnet und seit 2016 Professor für Chorleitung an der Wiener Musikuniversität, kommt mit einem großen Aufgebot: In Tateinheit mit den drei Vokalensembles des Trierer Domes und der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz bringt er Mozarts berühmte „Krönungsmesse“ zur Aufführung. Wenn ihr Titel dem Vernehmen nach auch Legende ist, so besteht doch über ihren musikalischen Rang keinerlei Zweifel. Bemerkenswert ist ihre prächtige, bläserlastige Orchestration, die im Gloria ihre ganze Leuchtkraft entfaltet. Etwa 100 Jahre nach der „Krönungsmesse“, genauer gesagt 1872, gelangte die zweite Sinfonie Anton Bruckners zur Uraufführung, bei der nun Karl-Heinz Steffens, der seit 2016 auch Musikdirektor der Norwegischen Nationaloper ist, an das Dirigentenpult tritt. Bruckner hatte das Werk in „seinem“ unweit von Linz gelegenen Stift St. Florian vollendet, in dessen Kirche er später die letzte Ruhe finden sollte. Es dürfte dieser spezielle Ort gewesen sein, vor allem die von Innen kommende Religiosität  des Komponisten, die ihn auf die Idee brachte, seine Sinfonie mit Zitaten aus seiner Messe in f-Moll anzureichern – ein Grund mehr, Bruckner in einem Gotteshaus aufzuführen.
Spätestens seit Beethoven hat das Finale einer Sinfonie die Aufgabe, auf das Vorangegangene zurückzublicken und es zu verdichten. Im übertragenen Sinn trifft dies auch auf das Finale der „Kathedralklänge“ zu. Das zehnte (und insgesamt letzte) Konzert der Reihe, dem Dom zu Speyer vorbehalten, greift noch einmal die Grundidee der Veranstaltungsreihe auf: nämlich kirchenmusikalische Werke Bruckners als gemeinsame Produktion der jeweiligen Ensembles vor Ort sowie der Staatsphilharmonie zu präsentieren und durch eine Sinfonie des Meisters zu ergänzen. Die für das Oktober-Konzert ausgewählten Kompositionen, die neunte Sinfonie und das Tedeum stehen in einem inneren Zusammenhang. Da Bruckner in den letzten Jahren seines Lebens mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatte, gelang es ihm nicht, den Schlusssatz seiner neunten Sinfonie fertigzustellen. Als er sein Ende kommen sah, schlug er deshalb vor, das übliche Finale durch sein bereits 1884 geschriebenes Tedeum zu ersetzen – eine erhabene Lösung, deren Sogkraft man sich wohl kaum entziehen kann.