Albrecht Mayer ist Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker und forscht für seine Soloprojekte nach unbekannten Werken. Bei gleich zwei Konzerten werden Sie den herausragenden Instrumentalisten nicht nur an der Oboe, sondern auch als Dirigenten erleben können. Die Oboe ist nicht gerade das Trauminstrument von Kindern und Jugendlichen. Auch Albrecht Mayer hat erst Klavier und Blockflöte gespielt. Dann legte plötzlich sein Vater zwei Oboen auf den Küchentisch und verkündete, Albrecht und sein Bruder sollten nun dieses Instrument lernen. Es fehlten nämlich Oboisten im Bamberger Jugendorchester, wahrscheinlich aus oben erwähntem Grund. So begann nicht nur eine große Musikerkarriere, sondern eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Instrument. Heute gilt Albrecht Mayer neben dem auf zeitgenössische Stücke spezialisierten Heinz Holliger als wichtigster deutscher Oboist.
Seit 25 Jahren ist Mayer bei den Berliner Philharmonikern. Er hat noch Karajan erlebt, danach Claudio Abbado, Simon Rattle und natürlich die vielen großen Gastdirigenten. Rund hundert Konzerte spielt er mit dem Orchester im Jahr. Fast ebenso viele gestaltet er als Solist und hat mit seinem klaren und kraftvollen, vielschichtigen und variablen Ton eine Menge Fans gewonnen. Im Barock galt die Oboe als das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Wenn Albrecht Mayer spielt, singt, spricht, lacht und schreit die Oboe. Sie kann durch die spezielle Atemtechnik, mit der ein Oboist in sein Mundstück bläst, längere Melodiebögen spielen als die meisten anderen Instrumente. Das vermittelt oft Ruhe, Gelassenheit, Frieden. „Lieder ohne Worte“ heißt eine berühmte CD Albrecht Mayers mit Werken Johann Sebastian Bachs.  „Solche Musik kann man nur schreiben,“ sagt der Oboist, „ wenn man tief in sich Liebe fühlt.“
Da sind natürlich spitzzüngige Musikkritiker gleich mit ironischen Titeln wie „Kuschelrocker der Klassik“ am Start. Zumal Albrecht Mayer mit seinen Händel-Transskriptionen „New Season“ sogar wochenlang in den Pop-Charts war. Doch es ist wohl kaum ein Vorwurf, wenn jemand es schafft, klassische Musik über die Grenzen der Eingeweihten hinaus populär zu machen. Außerdem kann niemand Albrecht Mayer vorwerfen, sich auf dem bekannten Repertoire auszuruhen. Das ist nämlich für die Oboe nicht besonders groß. Mayer befindet sich ständig auf der Suche nach neuen Stücken, recherchiert in Archiven, jede CD hat einen jahrelangen Vorlauf. Mancher zuvor unbekannte Komponist wie der Mozart-Zeitgenosse Ludwig August Lebrun wurde durch Mayer wieder entdeckt. Außerdem arrangiert er Stücke für Oboe und Orchester, die für eine andere Besetzung gedacht waren. Mit solchen Werken von Mozart und Ravel beginnt er seine Residenz bei der Staatsphilharmonie und konzertiert mit dem herausragenden Klangkörper gleich im Rahmen von vier Konzerten in Villingen-Schwenningen, Kaiserslautern, Karlsruhe und Mannheim.
Hinter fast allen Stücken, die Albrecht Mayer in dieser Spielzeit aufführen wird, stehen interessante Geschichten. Das Oboenkonzert von Allessandro Marcello – heute eines der Standardwerke für das Instrument – ist nur deshalb noch bekannt, weil Johann Sebastian Bach es für das Cembalo umgearbeitet hat. (Und es nebenher für ein Werk Vivaldis hielt.) Edward Elgar wollte mit „Oboe Soliloqui“ eigentlich eine Suite für Oboe und Orchester schreiben, beendete aber nur den zweiten Satz. Erst 33 Jahre nach dem Tod Elgars wurde er aufgeführt. Und Richard Strauss antwortete auf die Frage, ob er mal daran gedacht habe, ein Oboenkonzert zu schreiben, schlicht „Nein.“ Dann schrieb er doch eins, krank, alt und deprimiert, am Ende des Zweiten Weltkriegs, doch seine Musik ist lebendig und hoffnungsvoll.
Albrecht Mayer geht weiter auf die Suche und fordert auch Komponisten auf, neue Werke für die Oboe zu schreiben. Das komische Ding, das vor gut 40 Jahren auf dem Küchentisch lag, ist für den Familienvater längst zum Lebenspartner geworden. Bereits im Alter von 51 Jahren hat Mayer historische Verdienste um die Oboe erworben. Und bewiesen, dass sie ein echtes Trauminstrument sein kann.