Im Sonderkonzert SHAKESPEARE 401 präsentiert die Staatsphilharmonie unter der Leitung von Karl-Heinz Steffens mit Aribert Reimann und Felix Mendelssohn-Bartholdy zwei völlig verschiedene musikalische Perspektiven auf William Shakespeare – ein dramaturgischer Geniestreich!
Von Stefan Keim
Blechbläser und Schlagwerk sind stark besetzt in Aribert Reimanns „Lear“-Oper. Es gibt auch Momente lyrischer Schärfentiefe, aber wenn es um den verlassenen und gedemütigten König geht, hat Reimann vor allem Musik des Aufschreis komponiert. Über 30 Neuinszenierungen hat es seit der Uraufführung 1978 in München mit Dietrich Fischer-Dieskau in der Titelrolle gegeben. Eine davon – am Nationaltheater Mannheim – erregte 1981 Aufsehen. Giuseppe Verdi war an der selbst gesetzten Aufgabe gescheitert, eine „Lear“-Oper zu komponieren.  Reimann hat es geschafft, mit riesigem orchestralem Aufwand und hohen Anforderungen an die Gesangssolisten.
Lear setzt das Drama mit einer fatalen Entscheidung in Gang. Er teilt sein Reich auf seine Töchter auf, ohne zu ahnen, dass zwei von ihnen samt entsprechenden Ehemännern nur auf Macht und Geld spekulieren. Der alte Vater ist für sie nur noch ein Klotz am Bein, immer brutaler demütigen sie ihn. Dennoch existiert – bei Shakespeare wie bei Reimann – auch im finstersten Hass eine unzerstörbare Liebe, auch wenn die nicht zu einem glücklichen Ende führt.
„König Lear“ ist ein extremes Stück und verlangt eine besondere Klangsprache. Aribert Reimann hat exzessiv expressiv komponiert. Musik, die das Ohr in ihren Details kaum noch erfassen kann. Da gibt es zum Beispiel einen 48-tönigen Streichercluster, der sich langsam aufbaut, zwei Halbtöne tiefer wandert und sich wieder auflöst. Die Wirkung ist überwältigend. Aribert Reimann hat die dunkel glühende Seele dieses grandiosen Theatertextes erspürt. Seine Oper ist ein Manifest der Menschlichkeit und zugleich überlebensgroß, eine Tragödie des Scheiterns, die in jeder Generation neu gelesen werden kann, die Zeitbezüge ermöglicht und über sie hinaus weist. So wie es Shakespeares Stücke ebenfalls tun.
„Ein Sommernachtstraum“ gehört zu den meistaufgeführten Werken des Dramatikers. Auch wenn es hier ein scheinbar glückliches Ende gibt, hat auch dieses Stück sehr dunkle Seiten. Jugendliche Stadtmenschen werden im Zauberwald mit ihren unbeherrschten Trieben konfrontiert. Elfen verdrehen ihnen die Sinne, lassen Paare auseinander brechen und neue entstehen. Einen Handwerker verwandeln die Geisterwesen sogar in einen Esel und machen ihn zum Gespielen einer ebenfalls verhexten Elfenkönigin.
Durch die Übersetzung der Romantiker August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck wurde der „Sommernachtstraum“ Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland populär. Auch der damals 17-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy las das Stück und komponierte1826 unter diesem Eindruck spontan seine berühmte Ouvertüre. Heute wird die Bühnenmusik nur noch selten im Zusammenhang mit einer Theaterinszenierung gespielt.  Bei den Salzburger Festspielen 2013  gab es einen Versuch, der bewies, dass Mendelssohns romantische Klänge auch mit einer heutigen Sichtweise des Stücks zusammen gehen können. Gerade weil sie der Lust am Schönen, der schwärmerischen Naivität des 19. Jahrhunderts entspringen. Mendelssohns Musik steht für eine Sphäre, die heute zu verschwinden droht. Und ist gerade deshalb Antithese und Ergänzung zu Aribert Reimanns wuchtigem „Lear“.