Kit Armstrong

Sein Herz schlägt für Musik und Mathematik gleichermaßen, Alfred Brendel schwärmt von Kit Armstrong als „der größten musikalischen Begabung, der ich je in meinem Leben begegnet bin“. Tatsächlich liest sich die Biografie des erst 19-jährigen Pianisten wie ein Katalog der Superlative. Dabei ist der gebürtige US-Amerikaner ein ganz normaler junger Manm. Mit der Staatsphilharmonie ist er am 19. und 23. Januar in Aschaffenburg und Karlsruhe zu hören.
Sie leben sowohl in Frankreich und Österreich, auch in Berlin fühlen Sie sich sehr wohl. Fehlt Ihnen Ihre US-amerikanische Heimat gar nicht?
Ich bin in Kalifornien geboren und habe dort einen Teil meiner Kindheit verbracht. Meine engste Verwandtschaft lebt dort, mit der ich natürlich engen Kontakt halte. Aber ich bin eben auch seit über sieben Jahren in Europa zu Hause.
Sie haben wie übrigens auch Leonard Bernstein oder ihr Pianistenkollege Lang Lang am Curtis Institute of Music in Philadelphia studiert. Die Royal Academy of Music in London gehörte ebenso zu Ihren Ausbildungsstationen. Bekommen Sie heute von Alfred Brendel Klavierunterricht?
Nein, aber ich betrachte es als großes Glück, dass ich einen so außerordentlichen Mentor habe. Herr Brendel beeinflusst mich nicht nur in meinen Tätigkeiten als Pianist und Komponist, sondern er ist auch ein großartiger Wegweiser im Leben. Er hat mir beigebracht, was für mich als Künstler, aber auch als Mensch wichtig ist. Ihn zu kennen, ist für mich ein großes Geschenk und sehr inspirierend. Er ist ein großartiger Mensch.
Sie komponieren neben Ihrer pianistischen Tätigkeit auch noch regelmäßig. Gehört das Komponieren für Sie zu einer künstlerischen Auseinandersetzung einfach dazu?
Egal, ob ich mich in der Rolle des Komponisten oder des Pianisten befinde: Die eine Tätigkeit begünstigt die jeweils andere. Als Interpret sehe ich die Musik durch die Brille des Komponisten. Es ist hilfreich zu wissen, wie ein Werk strukturiert ist.
Wenn Interpretation darin besteht, die Absichten des Komponisten zu vermitteln, ist es gut zu wissen, mit welchen Einschränkungen und Möglichkeiten ein Komponist konfrontiert ist – ob es nun Konventionen der Harmonie und des Stils sind oder auch die eigene Weiterentwicklung und Infragestellung dieser Konventionen.
Herr Brendel hat gesagt, ein Interpret solle die Schuld nie dem Komponisten geben. Für mich als Komponist ist es leichter zu sehen, wo die Brüche in einem Werk sind. Als Komponist hat man auch die Fähigkeit, Stile besser zu verstehen.
Für den Komponisten ist es andererseits hilfreich, auch Pianist zu sein – schon aus praktischen Gründen. Denn das Klavier hat den größten Tonumfang aller Instrumente.
Sie haben etliche Kompositionspreise gewonnen, namhafte Ensembles oder Interpreten geben bei Ihnen Kompositionen in Auftrag. Können Sie sich vorstellen, eines Tages nur noch zu komponieren?
Ich kann es mir schon vorstellen. Mal sehen, wie die Zukunft sich entwickelt…
Und was ist mit der Mathematik, den Naturwissenschaften allgemein? Dafür schlägt Ihr Herz ja auch noch!
Für mich als ein leidenschaftlicher Mathematiker ist mein Verständnis von Mathematik wichtig für meine Art Musik zu spielen und zu komponieren. Es interessiert mich, das Verhältnis von Musik und Mathematik zu erforschen.
Es gibt eine innere Schönheit in der Mathematik. Die Reaktion auf Schönheit ist emotional. Andererseits gibt es natürlich eine Menge Logik und Struktur in der Musik. Daher besteht kein Gegensatz zwischen Musik und Mathematik.
Da beide Sphären sich gegenseitig bedingen und beeinflussen, sehe ich nicht die Notwendigkeit, mich für die eine oder die andere entscheiden zu müssen.
Mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz spielen Sie Klavierkonzerte von Haydn und Bach. Kammermusik nimmt zudem einen wichtigen Platz ein. Und in dieser Saison sind Sie erstmals als Liedbegleiter zu erleben. Wohin geht Ihre pianistische Reise?
Eine pianistische Reise ist eine Reise ohne Ziel. Ich finde es schön, als Künstler die Freiheit zu haben, die Projekte zu machen, die mich als Pianist, Kammermusiker und Komponist interessieren.
Gibt es einen Lieblingskomponisten oder eine Lieblingsepoche?
Seit ich mit Musik zu tun habe, sind mir Bach und Mozart immer am nächsten gewesen. Mir gefällt Musik, bei der das Zusammenspiel von Expressivität und einer klaren, übergeordneten Struktur deutlich wird. Mein Eindruck ist, dass ein Musikstück gut ist, wenn es mich gleich interessiert, aber immer noch mehr neue Seiten offenbart, egal, wie gut ich es schon kenne.
Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mit Musik oder Mathematik beschäftigen?
Als Künstler mit vielen Auftritten bin ich oft auf Reisen. Ich mag es, die Städte, die ich besuche, zu erkunden. Ein großes Vergnügen ist für mich das Entdecken schöner Restaurants, da ich sehr gern esse. Es macht mir auch Spaß, Videogames zu entwickeln, und ich spiele gern Tennis. Ich entwerfe und stelle auch gern Origami-Objekte her.
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Es ist mein Wunsch, weiter als Künstler aufzutreten und dabei die Projekte umsetzen zu können, die mich als Pianist, Kammermusiker und Komponist interessieren. Es ist mir auch wichtig, den Graben zwischen der Musik und dem Publikum zu überbrücken, um die Musik zugänglicher zu machen. Da ich ein leidenschaftlicher Mathematiker bin, ist die Mathematik für mein Klavierspiel und für meine Kompositionen sehr wichtig. Ich möchte gern herausfinden, in welchem Verhältnis Musik und Mathematik zueinander stehen.
Interview: Gert Deppe
(Veröffentlicht am 12.12.2011)