Jasminka Stancul

In Wien feierte Jasminka Stancul mit dem Gewinn des Internationalen Beethoven-Wettbewerbes 1989 ihren größten Erfolg. Seitdem ist die österreichische Bundeshauptstadt Lebensmittelpunkt der gebürtigen Serbin. Neben der Musik hat die Pianistin noch eine zweite Leidenschaft. Vom täglichen Üben entspannt sie sich bei ihren vier Pferden. Mit der Staatsphilharmonie spielte sie Anfang Dezember in Mannheim und Mainz mit Beethovens 4. Klavierkonzert zu hören.
Für einen in Dialekten ungeübten Hörer klingen Sie wunderbar wienerisch. Leben Sie schon lange in der Bundeshauptstadt von Österreich?
Ob ich wirklich wienerisch klinge, das weiß ich nicht, denn zumindest in Wien sagen die Leute, dass ich immer noch ein bisschen slawisch klinge. Bevor ich 1989 nach Wien gekommen bin, habe ich überhaupt kein Deutsch geredet, nur Englisch. Ich finde, es macht gar nichts, wenn meine Muttersprache noch zu hören ist.
Und ihr musikalischer Wirkungskreis dreht sich ja auch konsequent um Wien. Sie sind Mitglied des Wiener Brahms Trio und spielen regelmäßig mit dem Wiener Streichquartett. Ist das alles Zufall oder lieben Sie diese Stadt so sehr?
Oh ja, ich liebe diese Stadt sehr. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick. Jedes Mal, wenn ich von einer Reise zurückkomme, bin ich so froh, dass ich hier lebe. Als ich damals zum Wettbewerb hierher gekommen bin, habe ich gleich gedacht „Wow, das ist meine Stadt!“ Ich war noch nie vorher in Wien und hatte auch nicht geplant, hier zu bleiben. Aber als Musiker kann man sich doch nichts Besseres vorstellen, als in Wien zu leben und zu arbeiten, oder? Schließlich ist es musikalisch und was die gesamte Kultur betrifft eine der wichtigsten Metropolen überhaupt in Europa und in der Welt. Wien ist ganz selbstverständlich mein musikalischer Lebensmittelpunkt geworden, hier haben sich künstlerische Kontakte ergeben und auch Freundschaften entwickelt.
Vielleicht hat das ja auch mit dem 1. Preis zu tun, den Sie 1989 beim Internationalen Beethoven-Wettbewerb in Wien gewonnen haben?
Ja, natürlich auch. Zum Beispiel mit dem Wiener Streichquartett habe ich gleich unmittelbar nach dem Wettbewerb begonnen zu spielen, wir arbeiten jetzt seit 19 Jahren regelmäßig zusammen. Wir kennen uns inzwischen so gut und kommen mit ganz wenigen Proben zurecht, das ist schon toll! Das Brahms-Trio ist erst sehr viel später dazu gekommen, dort spiele ich jetzt seit ein paar Jahren mit. Ich spiele viel Kammermusik, aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn es noch mehr wäre.
Welche Rolle spielt denn Kammermusik in Ihrem pianistischen Leben?
Ich spiele extrem viel und extrem gern Kammermusik und glaube auch, dass sich jeder große Künstler mit Kammermusik beschäftigen muss. Wenn ich beispielsweise ein Klavierkonzert von Beethoven oder Mozart spiele, ist das doch eine kammermusikalische Begegnung. Ein Orchester ist ja im Grunde genommen auch nur ein sehr großes Kammermusikensemble Aber ich kann als Solistin doch nicht sagen: „Ich sitze jetzt hier vorne vor 80 Musikern und spiele meine Part.“ Man muss einfach zusammen arbeiten, aufeinander hören und eingehen, miteinander atmen. Das ist auch für den Solisten sehr wichtig, denn nur so kann er mit den anderen Musikern zusammen spielen. Das Miteinander ist doch das Wichtigste, jedenfalls für mich! Egal ob mit fünf oder 100 Musikern. Natürlich ist die Arbeit im Trio oder Quintett sehr viel intimer, aber es geht um das Gleiche.
Beethovens Klavierkonzerte haben Sie zum Teil schon zweimal auf CD eingespielt und mit der Staatsphilharmonie spielen Sie nun ebenfalls Beethoven. Ist er etwa Ihr Lieblingskomponist?
Natürlich ist Beethoven mein Lieblingskomponist!
Zwischen beiden Einspielungen liegen etliche Jahre. Hat sich in dieser Zeit Ihr Verhältnis zu Beethoven oder auch zu seinen Klavierkonzerten verändert?
Ja, es ändert sich sehr viel. Man selbst verändert sich, macht andere Erfahrungen, reift. Und man lernt ja auch sehr viel Literatur im Laufe der Zeit kennen, das Verständnis von Musik verändert sich auch dadurch. Nehmen wir zum Beispiel Beethovens viertes Klavierkonzert: Wenn ich da heute meine erste Aufnahme höre, dann ist das alles sehr frisch und jugendlich, dabei empfinde ich das jetzt, in meinem Alter, überhaupt nicht mehr so. Man muss da nicht nur Technik zeigen, sondern auch viel überlegen, es muss singen. Das habe ich damals nicht so verstanden und mache ich heute auch ganz anders.
In Ihrem Repertoire finden sich viele bedeutende Klavierkonzerte von Mozart bis Schostakowitsch, moderne Kompositionen hingegen nicht. Hört Ihre Sympathie für Wien etwa bei der Zweiten Wiener Schule auf?
Ich muss ehrlich zugegeben: Ich verstehe diese Musik nicht immer, vielleicht bin ich ja auch nicht reif genug dafür. Meine Sympathie für Wien hört nicht bei der Zweiten Wiener Schule auf , aber vielleicht doch das Verständnis für diese Art Musik. Wenn ich etwas nicht richtig verstehe, dann spiele ich es auch nicht. Und es ist auch so, dass viele Zuhörer moderne Musik nicht so gern hören. Schon wenn ich Bartok-Klavierkonzert spiele, kommen manche Leute und sagen: „Das war sehr schön, aber beim nächsten Mal bitte wieder Mozart!“ Wien ist in dieser Hinsicht vielleicht auch etwas altmodisch. Und vielleicht müsste ich mich auch mehr mit zeitgenössischer Musik beschäftigen.
Und was bestimmt Ihr Leben jenseits von Tasten und Tönen?
Ich habe fast noch einen anderen Beruf. Zumindest ein ganz wichtiges Hobby, und das ist Reiten. Viele zeigen mir deswegen auch einen Vogel, weil es nicht ganz ungefährlich ist. Und es ist tatsächlich auch schon ein paarmal etwas passiert. Aber einmal Virus Pferd – immer Virus Pferd! Und ich freue mich jeden Tag, wenn ich draußen bin und reiten kann, das ist meine ganz, ganz große Liebe – neben der Musik natürlich. Wie beim Klavierspielen bin ich mit dem ganzen Herzen dabei. Pferde sind einfach auch ganz tolle Tiere. Früher habe ich sogar Springreiten gemacht, aber das ist wirklich zu gefährlich. Heute mache ich Dressur und fahre manchmal auf Turniere. Statt Klavierwettbewerben mache ich eben Reitturniere. Allerdings frage ich mich auch da: „Warum tust Du Dir das eigentlich an?“ Aber Reiten ist wirklich ein ganz toller Ausgleich.
Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich bin ein wunschlos glücklicher Mensch, aber wenn ich drei Wünsche frei hätte, dann wären das: Gesundheit, Gesundheit und noch einmal Gesundheit! Alles andere kommt dann schon.
Interviews: Gert Deppe
Karten für das Mannheimer Meisterkonzert am 9. Dezember im Musensaal des Rosengartens gibt es unter Telefon (0621) 5990983 oder Online auf www-mannheim-klassik.de, Tickets für das Mainzer Meisterkonzert am 11. Dezember sind unter Telefon (06133) 5799991 und auf http://www.mainz-klassik.de
(Veröffentlicht am 02.12.2011)