Erneuerbare Energien
Mannheimer Morgen, 1. Februar 2012
In der Nazi-Zeit musste der Vater Asher Fischs aus Ludwigshafen fliehen. Jetzt leitet der Sohn, in Israel geboren und (zunächst Assistent von Daniel Barenboim) ein renommierter Dirigent geworden, erstmals ein Konzert der Deutschen Staatsphilharmonie. Eine Art Heimkehr also. Der Empfang im Feierabendhaus ist warm: Das zweite Brahms Klavierkonzert liegt auf den Pulten, und die Cello-Kantilene, die den dritten Satz einleitet, bebt förmlich vor Glück. Auf dem Klavierstuhl sitzt Arcadi Volodos und hört sich alles mit größter Ruhe an. Er ist zwar Einspringer (für André Watts), aber einen entspannteren kann man sich schwerlich denken.
Volodos kann es sich allerdings auch leisten. Wenig ist bei ihm davon zu spüren, dass Brahms diffiziler, dichter Tonsatz Schwerstarbeit bedeutet. Leichtigkeit, Verspieltheit prägt sein Musizieren. Er beweist: Selbst einem Wiener Großmeister aus Deutschland muss der Tiefsinn nicht bleischwer an seinem dunklen Anzug zerren. Wo die anderen schon matt in den Pedalen hängen, im Finale, hat er noch lange nicht die Grenzen manueller Leistungsfähigkeit erreicht. Und Muße, zarte, helle, Klangfarben hervorzuzaubern., ohne dabei jemals ins Geschmäcklerische abzugleiten. Auch nicht in der Zugabe, obwohl er dabei Schubert, feinstens abgezirkelt, in Scarlatti-Nähe rückt.
Bei Brahms würgt Asher Fisch die Liebe des Solisten zum Detail nicht ab, hält aber stets auch den sinfonisch weiträumigen Zugriff aufrecht. In Strawinskys „Sacre de Printemps“ hebt er noch mehr auf Kollektivprozesse ab, verändert flächig die Textur des Klangkörpers, die im Bedarfsfall auch verletzend rau und scharf sein kann. Das Stück ist heute, 100 Jahre nach der Uraufführung, nicht mehr als der große musikalische Atomsprengsatz zu zünden. Aber das Orchester als Erregungsmasse packt noch immer – wenn man es so inszeniert wie Asher Fisch. Die Staatsphilharmonie tut bis auf ein paar unbedeutende Kollateral-Blechschäden überzeugend mit. (HGF)
(Veröffentlicht am 09.02.2012)