Celso Antunes

Nicht zum ersten Mal arbeitet Celso Antunes mit der Staatsphilharmonie zusammen. Béla Bartóks „Cantata profana” für Solisten, Doppelchor und Orchester hingegen ist für den in Köln lebenden Dirigenten eine Premiere. Und mit Carl Orffs „Carmina Burana“ schließlich betritt die Gächinger Kantorei vokales Neuland. Der gebürtige Brasilianer hatte also viele Gründe, sich auf die Konzerte mit der Staatsphilharmonie vom 17. bis 20. November zu freuen.
Sie wurden in São Paulo geboren und haben in Köln studiert. Sie sind Chef des Niederländischen Rundfunkchors und ab kommendem Jahr ständiger Gastdirigent des Staatlichen Sinfonieorchesters São Paulo. Außerdem touren Sie durch ganz Europa unterwegs. Wo fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?
Ohne jeglichen Zweifel in Köln! Es ist übrigens so, dass ich in diesem Jahr so eine Art Jubiläum feiere: Die Hälfte meines Lebens habe ich in Köln verbracht. Die ersten 26 Jahre lebte ich in São Paulo. Dort habe ich am Konservatorium Dirigieren, Gesang und auch Cello studiert, dann kam ich nach Köln an die Musikhochschule. Und hier lebe ich noch immer. Inzwischen haben meine Familie und ich einen deutschen Pass und wir fühlen uns total zuhause in Köln. Mein Bruder und zwei Schwestern und viele andere Familienmitglieder wohnen noch in Brasilien, aber wir haben einen guten Kontakt. Ich bin ja regelmäßig dort, auch beruflich.
Und wo ist Ihre musikalische Heimat als Dirigent? Es gibt ja nur wenige Kollegen, die mit Chor und Orchester gleichermaßen gern und erfolgreich arbeiten.
Das ist eine schwierige Antwort! Wenn ich lange mit Orchestern arbeite, spüre ich den Drang, wieder mit Chören zu arbeiten – und umgekehrt genauso. Glücklicherweise hat es bisher immer gut geklappt, dass ich beides machen kann und ich hoffe, dass es so weitergeht. Denn ich glaube, dass das eine sehr fruchtbare Beziehung zwischen diesen beiden Tätigkeiten ist. Das ist ja genau das Faszinierende daran. Ich höre immer wieder, dass ich mich für meine Karriere entscheiden müsste, aber ich bin nicht so ein großer Freund von Spezialisten. Ich glaube, wenn man Monteverdi macht, lernt man auch viel für Mahler.
Welche Chorleiter und Orchesterdirigenten haben Sie am nachhaltigsten beeindruckt?
Ja natürlich, da gibt es eine Menge. Ich bewundere und respektiere viele meiner Kollegen sehr. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich das Glück, als ausgebildeter Sänger in vielen Chören singen zu können. Dabei habe ich als Chorsänger aber auch als Solist mit vielen fantastischen Dirigenten zusammengearbeitet und das hat mich enorm geprägt. Leute wie zum Beispiel Leonard Bernstein und Nikolaus Harnoncourt, aber auch John Elliott Gardiner. Und nicht zu vergessen Helmuth Rilling, bei dem ich viele Kurse gemacht habe.
Kommen Sie aus einem musikalischen Elternhaus und wurde dort viel gesungen?
Ich komme aus einer relativ armen Familie. Bis auf eine wohlhabende Tante, die ganz passabel Klavier gespielt hat, bin ich eigentlich der Einzige, der etwas mit Musik zu tun hat. Glücklicherweise haben meine Eltern und diese Tante mir ermöglicht, ein Instrument zu lernen. Ich habe mit fünf Jahren mit Gitarre angefangen und später auf Cello gewechselt. Mit Singen hatte ich gar nichts am Hut – das war eher total uncool damals. Eine lustige Geschichte ist, dass ich als Neunjähriger einmal auf einer Tanzveranstaltung in einer Band Gitarre spielte und ein bisschen „Backing Vocals“ machen sollte. Aber ich wollte das auf gar keinen Fall. Und auf meinem ersten Konservatorium war Singen auch nicht Pflicht. Ich hatte keine Erfahrung mit der Stimme, bis ich eben 14 war, dann wechselte ich auf ein Konservatorium mit Chorpflicht. Mein erstes Stück war eine Missa brevis von Mozart und ich hatte überhaupt keine Ahnung, wie das ging. Aber dann war das Singen für mich eine Offenbarung. Ich dachte damals: „Mein Gott, das ist es!“ Es war wie ein Virusanfall und ich fing an, in allen erdenklichen Chören zu singen. Als Tenor war man natürlich überall willkommen. So fing das an mit der Stimme.
Dirigieren Sie eigentlich mit oder ohne Stock oder hängt das von der Besetzung und der jeweiligen Literatur ab?
Früher, also in den neunziger Jahren, als Chefdirigent des Neuen Rheinischen Kammerorchesters in Köln sowie des belgischen Neue-Musik-Ensembles Champ-d’Action habe ich Instrumentalmusik noch mit Stock dirigiert, aber heute mache ich das nicht mehr. Auch bei den großen Orchestern und hoch komplexer Musik nicht. Und mit Stimmen sowieso nicht. Für mich ist ein Stock nicht nötig. Aber ich sage zum Beispiel meinen Studenten in Genf, dass sie mit Stock dirigieren können, wenn sie wollen. Ich persönlich fühle mich aber viel befreiter, wenn ich mit meinen Händen arbeiten kann.
Welchen Stellenwert hat moderne Musik eigentlich für Sie?
Damals in Brasilien war das so: Entweder Avantgarde oder gar nichts! Heute ist das zum Glück nicht mehr so und man ist wieder offener und toleranter. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man heute eben auch die Musik von heute spielt und interpretiert. Denn das alles hängt ja doch zusammen und das eine macht ohne das andere für mich keinen Sinn.
Mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz und der Gächinger Kantorei führen Sie Carl Orffs berühmte „Carmina Burana“ und die weniger bekannte „Cantata profana” von Béla Bartók auf. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Programm?
Die Carmina ist ein ganz fantastisches Stück und dieser Primitivismus im Klang sehr überzeugend. Aber es ist nicht einfach. Für die Gächinger Kantorei ist es übrigens eine Premiere! Wie für mich Bartoks Cantata. Ich habe sie schon gesungen, aber nie selber aufgeführt. Diese frühe Komposition Bartoks hat für sein Schaffen eine ganz zentrale Bedeutung. Sie hat viele unterschiedliche Aspekte wie Traumhaftes, Mystisches und Rustikales und endet ganz wunderbar in D-Dur, wie ein Traum eigentlich. Aber für alle Beteiligten, gerade auch für Chor und Bläser, gibt es viele heikle Stellen. Die Idee mit der Carmina kam von den Gächingern und es stellte sich die Frage: Was dazu machen? Der Intendant der Bachakademie, Christian Lorenz, hat dann den Bartok vorgeschlagen und ich fand das gleich ganz toll! Beide Stücke sind sehr gegensätzlich. Ich freue mich sehr auf diese Aufführungen!
Interview: Gert Deppe
(Veröffentlicht am 02.11.2011)