Aufstand der Kinder gegen die Erwachsenenwelt
Die Rheinpfalz, 7. Februar 2012
Drei Erwachsene spielen die Ausbeuter und Wankelmütigen, eine große Schar Kinder die Ausgebeuteten und Aufmüpfigen. Als Aufstand der Kinder gegen eine von Geldgier beherrschte Erwachsenenwelt findet „Die Dreigroschenoper“ von Bert Brecht und Kurt Weill zu ihrem revolutionären Ursprung zurück. Die Inszenierung von Éva Adorján und Jürgen Esser mit dem KinderSpielTheater und Musikern der Staatsphilharmonie hatte im Theater im Pfalzbau Premiere.
Jürgen Esser ist ein pedantischer Peachum, ein Kettenraucher mit Laptop, der mit Lautsprecherdurchsagen in autoritärem Ton die Handlung vorgibt. Als Zyniker gibt er sich heuchlerisch und skrupellos: Man wäre ja gern ein guter Mensch, aber die Verhältnisse sind nicht so. In flippigen Klamotten stelzt Éva Adorján hochhackig als Frau Peachum umher, eine aufgemotzte, naive Schlampe. Der dritte Erwachsene ist Stephan Wriecz, ein korrupter und wankelmütiger Polizeichef Brown im schwarzen Priesterrock.
Peachum kommandiert eine wehrlose Kinderschar und richtet sie zum Betteln ab. Mackie Messer sind vom Schmierenganoven der zwanziger Jahre im geckenhaften Anzug mit Hut und weißen Handschuhen nur die Handschuhe geblieben. Philipp Reischenbach ist der Anführer einer schwarz gestylten Jungenbande auf Skateboards. Wenn sie rauben und stehlen, vielleicht auch töten, wissen sie nicht wirklich, was sie tun. Es ist ihnen ein Spiel, in dem der Anführer Mackie die Regeln diktiert.
Mit Preachum-Tochter Polly spielt Mackie Hochzeit. Bürgerlich und festlich soll sie sein wie bei den Erwachsenen. Weil nichts klappt, meckert er aggressiv herum und macht die Jungs zur Sau. Mackie ist mit den Brown-Kindern befreundet; deshalb hält der Polizeichef die Hand zum Zug. Mit Tochter Lucy spielt Mackie auch Hochzeit. In kindlicher Wut und Eifersucht zicken die beiden Gören gegeneinander und futtern sich dann gemeinsam über ihren Kummer hinweg. Für sie ist auch Mackie-wird-gehenkt wie ein Spiel. Sie merken nicht, dass er immer ernster wird, als sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht.
Fanny Braun spielt die Polly mit spießiger Bravheit, die unversehens in Abgebrühtheit übergeht. Kathrin Kistenmacher ist eine verwöhnte, dickköpfige Lucy. Selten hat man Brechts Bilderbuchganoven und Gefühlszicken die kindischen Spielrituale der Gesellschaft so überzeugend vorführen sehen. Deren Bühnenerfolg hat sie zu wirklichkeitsfremden Glamourfiguren gemacht und in unendlicher Wiederholung artistischen Stil zelibrieren lassen. Die Kinder dagegen sind von überwältigender Natürlichkeit. Man glaubt ihnen jedes Wort und jede Geste.
Zu den Mackie-Messer-Ritualen gehören die Huren, die er regelmäßig besucht. Das sind die Spielregeln. Des Milieus, von dem er ein Teil ist. Die Weigerung, seine Gewohnheiten zu ändern, bringt ihn ins Verderben. Auf die Mädchengang aus der Cyberpunk-Szene, durch die Brechts Nutten hier ersetzt sind, treffen Bordellpoesie und Sexdramaturgie nur bedingt zu. Doch das stört nicht, da bruchlose Glätte nicht zum Anliegen der „Dreigroschenoper“ gehört.
Das Bühnenbild besteht nur aus ein paar grünen Fässern. Drumherum ist viel Raum für präzise ausgearbeitete kindliche Spielszenen. Im Hintergrund spielt auf hohem Podest die Band der Staatsphilharmonie unter der Leitung von Paul Leonard Schäffer. Die schwierigen Tonlagen und tempi machen den Kindern überhaupt keine Mühe. Ob als voller Chor oder beim zündenden Solo, entlocken die Kinderstimmen Weills Kompositionen das unverwechselbare Feuer, das sie berühmt gemacht hat. Kein Schöngesang, kein artistischer Dreckssound, sondern Musik, die unter die Haut geht. (Heike Marx)
(Veröffentlicht am 09.02.2012)